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Die Chinesische Teezermonie

China ist das Geburtsland der Teeproduktion und blickt auf eine mehrere Jahrtausende alte Tradition des Teegenusses zurück. Tee ist in China nicht nur ein beliebtes Alltagsgetränk, sondern besitzt einen hohen Stellenwert, der ihn zu einem der bedeutendsten Aspekte des sozialen und kulturellen Lebens macht. Da der Empfang und die Unterhaltung von Gästen in China ohne gemeinschaftlichem Genuss einer sorgfältig zubereiteten Schale Tee nicht denkbar wäre, hat sich in diesem Land über die Jahrtausende eine ausgeprägte Kultur des Teetrinkens entwickelt, die als kunstvolle und atmosphärische Zeremonie gefeiert wird und vom sorgfältigen und respektvollen Umgang mit den Teeblättern geprägt ist. Während eine Tasse Tee in vielen westlichen Kulturen kaum mehr als eine kleine wärmende Pause bedeutet, ist sie in China Ausdruck von Lebensart, liebevoller Inszenierung, Philosophie und perfekten Umgangsformen. Heutzutage werden ausländische Staatsgäste bei Banketten mit Tee von weltbester Qualität verwöhnt, und im Zuge wichtiger Anlässe wie dem chinesischen Neujahrsfest oder dem Frühlingsfest werden Teezeremonien von Menschen aller Gesellschaftsschichten abgehalten. Tee besitzt in China eine starke Symbolkraft und ist wichtiger Bestandteil von Hochzeiten und Verlobungsfeiern. Das Abhalten einer perfekten Teezeremonie zeugt von Wertschätzung gegenüber anderen Menschen, Respekt vor den älteren Generationen und ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die eine junge Frau in die Ehe mitbringen sollte.

Geschichte der Teekultur Chinas

Historiker vermuten, dass die Menschen in China die Kultur von Teepflanzen bereits im 12. Jahrhundert vor Christi Geburt betrieben. Die Blätter der Teebäume standen im alten China ausnahmslos nur den an den Kaiserhöfen lebenden Menschen zur Verfügung und dienten als Aufguss zunächst rein medizinischen Zwecken. Erst im dritten Jahrhundert wurde Tee auch dem gemeinen Volk zugänglich und könnte auf den Märkten der Provinz Sichuan von einfachen Leuten erworben werden. Einer Legende nach soll ein königlicher Beamter mit dem Namen Wie Zhao keinen Alkohol vertragen und den König, der seine Gefolgsleute zu eigenen Unterhaltungszwecken gerne betrunken machte, gebeten haben, stattdessen Tee trinken zu dürfen. Sein Wunsch wurde ihm gewährt, und seine Vorliebe für Tee wurde bald von anderen Beamten und Gelehrten aufgegriffen und allmählich unters Volk gebracht. Bereits in der Tang-Dynastie ab Beginn des 7. Jahrhunderts nach Christus war das regelmäßige Trinken von Tee als Genussmittel in Gesellschaften mancher Regionen Chinas eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Zu der Verbreitung von Tee als Nationalgetränk trugen auch buddhistische Mönche maßgeblich bei, die ihn zunächst nur für den Eigenbedarf anbauten und zubereiteten, um während ihrer langen Phasen der Meditation wach und geistig fit zu bleiben und die spirituellen Erfahrungen voll auskosten zu können. Die anregende Wirkung, der sich die Mönche bedienten, sprachen sich bald auch unter dem Volk herum, und die Menschen begannen, sich Tee als sanften Wachmacher zunutze zu machen. Bereits in der Tang Dynastie setzte ein regelrechter Kult um Tee ein, den wohlhabende und einflussreiche Familien begründeten, indem sie in ihren großen Häusern eigene Zimmer einrichteten, wo sie Tee zubereiteten, in ruhiger, abgeschlossener Atmosphäre tranken und sich dabei geistigen Studien widmeten. Diese sogenannten „Tee-Zimmer“ markierten den Beginn der andächtigen und kunstvoll ausgereiften Teezeremonie, wie sie heute noch vielerorts in China auf unterschiedliche Weise gepflegt wird.

Das erste schriftstellerische Werk, das die Regeln und den Ablauf einer Teezeremonie genau erläuterte, wurde im Jahr 780 nach Christus von dem Tee-Experten Lu Yu veröffentlicht und gilt als das erste Buch über Tee in der Geschichte der Weltliteratur. Im 17. Jahrhundert wurde während der Ming Dynastie eine eigene Teeschule für die Ausbildung von Teemeistern gegründet. Die Kulturrevolution unter Mao Zedong im 20. Jahrhundert unterdrückte die alten Traditionen der chinesischen Teezeremonie und erzwang die Schließung zahlreicher Teehäuser im ganzen Land. Mit den Intellektuellen flüchteten auch viele Teemeister in die Nachbarländer, was einen erheblichen Einbruch der Kunst der Teezeremonie bedeutete. Die alten Bräuche wurden jedoch in den Familien bewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben. Seit einigen Jahrzehnten bieten viele neu eröffnete Teehäuser in China neben der kulinarischen Verpflegung mit Kuchen oder Dim Sum als Begleitung von mehrstündigen Teezeremonien zahlreiche kulturelle Unterhaltungsprogramme an.

Die chinesische Teezeremonie – Vollendete Kunstfertigkeit

Die chinesische Teezeremonie ist mit langjähriger Erfahrung und Perfektion verbunden, die der Teemeister durch die intensive Aufmerksamkeit und Übung im Umgang mit dem Getränk erlangt hat. Jeder Teemeister bringt seinen individuellen Stil mit in die Zeremonie, die er nach seinen persönlichen kulturellen Vorlieben gestaltet. An welcher Kultur und Philosophie er sich auch orientiert, sein Ziel ist stets, eine geschmacklich perfekte Tasse Tee zu servieren. Die Wahl einer ruhigen Umgebung ist für eine gelungene Teezeremonie von entscheidender Bedeutung, um den Teilnehmern zu ermöglichen, sich gänzlich auf die Beobachtung der Zubereitung und die Verkostung des Tees zu konzentrieren. Der Teemeister reinigt zunächst mit heißem Wasser sorgfältig das Geschirr, bevor er die kostbaren Teeblätter in der Kanne mit heißem Wasser übergießt. Der erste „Aufguss des guten Geruchs“, der nicht getrunken wird, dient lediglich der Öffnung der Blätter und Milderung der Bitterkeit der folgenden Aufgüsse. Je nach Teesorte ziehen die Blätter des folgenden „Aufgusses des guten Geschmacks“ nur wenige Sekunden oder Minuten, wobei sich die Ziehzeit mit jedem Mal erhöht. Tee höchster Qualität wird in China oft bis zu fünfzehn Mal hintereinander verwendet und gewinnt mit jedem „Aufguss der langen Freundschaft“ an Geschmack und Tiefe. Der Teemeister gießt das Getränk schichtweise in die Trinkschalen, um zu garantieren, dass jeder Gast die exakt gleiche Qualität des Aufgusses erhält. In einer kunstvolleren Variante der Zeremonie gießt der Teemeister den Tee vor dem Servieren in einen Duftbecher, um am Geruch des Gefäßes das Aroma des Aufgusses zu bestimmen.

Die Chinesische Teezermonie

Die Chinesische Teezermonie ©iStockphoto/woojpn

Teesorten und Geschirr für eine chinesische Teezeremonie

Insgesamt sechs Teesorten werden in China in unterschiedlichen Regionen getrunken. Der in der westlichen Welt als Schwarztee bekannte „Rote Tee“ wird ebenso wie Oolong-Tee und grüner, weißer und gelber Tee mehrere Male aufgegossen und soll auf diese Weise sein vielfältiges Aroma entfalten. Der in China beliebte Pu-erh-Tee, der in gepresster und loser Form verwendet wird, entwickelt seinen charakteristischen Geschmack durch lange Reifung nach dem Trocknen und kann beliebig oft aufgegossen werden, wodurch sich sein Aroma von Mal zu Mal verändert. Egal, welche Sorte für die Zeremonie gewählt wird, der Teemeister benutzt ausschließlich kaltes Wasser, das er mindestens dreißig Sekunden lang aus dem Wasserhahn rinnen lässt, bevor er es aufkocht. In China wird Tee in kleinen Mengen aus Schälchen ohne Henkel getrunken, wodurch jeder der Aufgüsse bewusst verkostet werden kann. Das zentrale Geschirr für die Teezeremonie bildet die traditionelle, als „Gaiwan“ bezeichnete Trinkschale mit leicht nach außen gebogenen Rändern, Untertasse und Deckel. Der Deckel garantiert, dass der Tee warm gehalten wird, kann aber auch als Sieb verwendet werden, wenn der Aufguss direkt aus dem Gaiwan getrunken wird. Durch die Ränder kann sich der Teetrinker nicht die Finger verbrennen, wenn er die Schale mit beiden Händen anfasst. Dem Gaiwan kommt eine starke Symbolkraft zu, denn die Schale versinnbildlicht den Menschen, der Deckel den Himmel und die Untertasse die Erde. Mit geeignetem Teebesteck werden die Teeblätter auf elegante und hygienische Weise der Teedose entnommen. Für die Präsentation und Umfüllung der kostbaren Teeblätter wird oft ein sogenannter „Teehalter“ eingesetzt. Ein chinesischer Teetisch schafft nicht nur eine saubere Oberfläche zum Auffangen des überschüssigen Wassers, sondern sorgt auch auch für die optisch ansprechende und stilgerechte Präsentation des Geschirrs.

Die regionale Teekultur – Unterschiedliche Gepflogenheiten

Während die Perfektion einer Teezeremonie überall im Land hochgehalten wird, haben sich innerhalb der insgesamt 56 Nationalitäten Chinas unterschiedliche Elemente entwickelt, die die Lebenskultur der Menschen widerspiegeln. So unterschiedlich die Mentalität der Menschen in den vielen Regionen Chinas ist, so vielfältig sind auch ihre Eigenheiten, Tee in zeremonieller Atmosphäre zuzubereiten und zu genießen. Schon die Wahl der Teeblätter ist nicht im ganzen Land die gleiche, sondern variiert von Region zu Region. So bevorzugen die Menschen in Peking einen Tee, der mit dem zarten Duft und Geschmack von Jasminblüten aromatisiert wird, in Shangai hingegen wird ausschließlich grüner Tee, in der Provinz Fuji im Südosten des Landes schwarzer Tee getrunken. In den südlichen Gebieten Chinas, wie beispielsweise der Provinz Hunan wird im Zuge des „Tee-Essens“ ein Teegetränk zubereitet, das mit Ingwer, Salz, Sesam und Sojabohnen aufgegossen wird. Diese Zusätze werden nach dem Genuss des Getränks verspeist. Im Süden des Landes existieren noch viele Teehütten unter freiem Himmel, in denen die Menschen während des Teetrinkens die schönen Ausblicke auf die Natur der Umgebung genießen können.

Auch die Gepflogenheiten im Umgang und die Verhaltensregeln von Teezeremonien sind in den chinesischen Provinzen unterschiedlicher Natur. Während der Gast in Peking immer aufstehen muss, wenn er von seinem Gastgeber Tee angeboten bekommt, die Teetasse mit beiden Händen annimmt und sich mit dem Wort „Xiexie“ bedankt, zeigt man als Gast einer Teezeremonie in Guangdong seine Dankbarkeit, indem man mit den Fingerknöcheln dreimal auf die Tischplatte klopft. In vielen Regionen Chinas zeugt es von schlechten Manieren, die Schale komplett zu leeren, denn dies vermittelt dem Gastgeber, dass man keinen Tee mehr trinken und nicht in den Genuss der vollendeten „Aufgüsse der langen Freundschaft“ kommen will.

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