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Tee Zeremonien

Tee ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Bei vielen Völkern haben sich im Lauf der Jahrtausende im Zusammenhang mit dem Teetrinken bestimmte Rituale ausgebildet, die nicht nur zu einem verfeinerten Teegenuss beitragen sollen, sondern oft auch darüber hinaus wirkende Bedeutung kontemplativer Natur haben. Dabei mag die Tatsache eine Rolle spielen, dass Tee im Vergleich zu anderen Getränken nicht nur von ausgesprochenen Tee-Liebhabern eine betont mild-elegante Note zugeschrieben wird. Beim relativ zeitaufwändigen Tee-Zubereiten und -Trinken wird zudem im besonderen Maße Abwarten eingefordert. Dadurch ist die Ausbildung von Teezeremonien mit Sicherheit gefördert worden. Die sich entsprechend in Regionen mit hohem Tee-Konsum ausgebildeten Teezeremonien wie in China, Japan, England und Ostfriesland verbindet bei allen Unterschieden die Betonung von Muße und Genuss. Gemeinsam ist auch der Respekt vor dem Produkt Tee.

China: „Kung Fu Cha“

China ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Ursprungsland der Tee-Kultur. Tee wurde lange vor Christi Geburt zum Nationalgetränk der Chinesen und daher ist es auch nicht verwunderlich, das im Reich der Mitte eine aufwändige Teezeremonie entstanden ist. Die von einem Teemeister verantwortete Teezubereitung und Teeverkostung wird „Gong (Kung) Fu Cha“ genannt und hat mit dem namensähnlichen Kampfsport Kung Fu den Anspruch von durch Erfahrung und Übung erreichter Perfektion.

Grundvoraussetzung für das Gelingen von Kung Fu Cha ist eine ruhige, die Konzentration fördernde Umgebung. Neben einem Wasserkocher gehört zur Ausstattung vor allem ein, in der Regel 0,1 bis 0,15 Liter fassendes, Teekännchen („Gawain“), das im Prinzip aus einer schlichten Schale mit Deckel sowie Untertasse besteht. Die Bestandteile des Kännchens versinnbildlichen Himmel, Erde und Mensch. Unerlässlich sind neben den selten mehr als 50 ml fassenden, kleinen Porzellan-Teetassen und deren Untertassen ein die gleichmäßige Verteilung des Tees auf die einzelnen Tassen gewährleistendes Gefäß (Krug, Servierkanne oder ähnliches). Wichtig ist auch das aus Teelöffel, Tee-Zange, Tee-Spachtel, Tee-Nadel, Tee-Trichter und Geschirrhalter sowie (manchmal) Tee-Sieb bestehende Tee-Besteck. Ein Schälchen dient als Teehalter.

Der Teemeister bringt das Wasser zum Kochen und befüllt den Teehalter mit Teeblättern. Der Teemeister erwärmt Gawain, Servierkanne und Teehalter mit etwas kochendem Wasser. Danach wird eine bestimmte Menge Teeblätter in den Gawain gefüllt. Die Anwesenden atmen den entstehenden aromatischen Dampf ein, um sich auf den bevorstehenden Trinkgenuss einzustimmen. Es wird kochendes Wasser in den Gawain gefüllt und sofort wieder abgegossen. Dabei fungiert der Gawain-Deckel als Sieb. Durch dieses „Aufwecken“ genannte erste Überbrühen werden die bis dahin fest eingerollten Blätter des Tees geöffnet. Länger gelagerte Tees werden zudem so von unerwünschten Beigerüchen befreit. Bei grünen und weißen Tees mit ihren oft sehr jungen Blattknospen wird auf das erste Aufbrühen häufig verzichtet, um das zarte Aroma nicht zu zerstören.

Beim folgenden eigentlichen Aufguss darf der Tee nur 15 bis 30 Sekunden lang ziehen. Mit dem Gawain-Deckel oder auch mittels eines Siebes wird der Tee vorsichtig in die Servierkanne abgegossen. Dann befüllt der Teemeister die Tassen so gleichmäßig wie möglich und serviert den Gästen die zu zwei Dritteln aufgefüllten Tassen auf Untertassen.

Der Tee wird traditionell in drei Schritten genossen: Zunächst werden Aroma und Farbe bewundert, dann der Tee langsam mit drei Schlucken geschlürft. Schließlich wird am Boden der Tasse gerochen, um den Aroma-Rückstand aufzunehmen.

Diesem Aufguss folgen in der Regel mehrere weitere Aufgüsse, bei denen sich die Dauer der Ziehzeit jeweils verlängert. Die Kunst des Teemeisters besteht in der Fähigkeit, genau den richtigen Zeitrahmen abzustecken und mit der richtigen Wassertemperatur zu kombinieren.

Tee Zeremonie

Tee Zeremonie ©iStockphoto/eAlisa

Japan: „Der Weg des Tees“

Japan hat, relativ spät, die Tee-Kultur von China übernommen. Tee konnte sich als Massenphänomen erst seit dem 16. Jahrhundert etablieren. Dabei haben die Japaner die chinesische Teezeremonie allerdings nicht einfach kopiert. Liegt der Schwerpunkt bei der chinesischen Teezeremonie auf dem Aspekt der gemeinschaftlichen Verkostung eines Genussmittels, wird in Japan das Teetrinken vor allem mit dem Bemühen, innere Einkehr und Harmonie herzustellen, verbunden.

Die durch schlichte Eleganz gekennzeichnete „Chanoyu“ („Heißes Tee-Wasser“) oder auch „Sado“ („Weg des Tees“) genannte, auf buddhistische Mönche zurückgehende, japanische Tee-Zeremonie weist zahlreiche Varianten auf, deren Grundlagen jedoch gleich sind. Das von einem Teemeister im Idealfall in einem Garten-Teehäuschen geleitete Ritual ist außerordentlich zeitaufwändig und kann bis zu vier Stunden dauern.

Nach einer Vor-Phase, in der sich die Tee-Gäste beim Wandeln durch den Garten und beim Warten sammeln sowie sich durch rituelle Reinigungen vom Üblen befreien, betreten die Gäste das Teehaus kriechend oder in gebückter Haltung. Durch diese symbolische Selbsterniedrigung werden alle gesellschaftlichen Rangordnungen für die Zeit der Zeremonie aufgehoben. Es wird ein leichter Imbiss eingenommen und danach empfängt der neben einem glühenden Kohlebecken hockende Teemeister zur eigentlichen Zeremonie.

Zeremonial-Utensilien sind neben dem eisernen Teekessel insbesondere Bambus-Besen und Bambus-Schöpflöffel, ein Behältnis für den „Matcha“ genannten pulverisierten Grün-Tee (dicker Tee: „Koi-cha, dünner Tee: „Usu-cha“), je eine Schale für Frischwasser und für Spülwasser sowie die Teeschale und ein Tuch. Der Teemeister (oder Gastgeber) gibt mit dem Bambuslöffel im Kessel erhitztes Wasser in eine Teeschale und reinigt Teeschale und Bambusbesen. Dann gibt er Koicha-Teepulver mit dem Schöpflöffel in die Teeschale und füllt mit heißem Wasser auf. Mit dem Bambusbesen wird das Getränk sämig geschlagen. Der fertige Tee wird einem Gast gereicht, der langsam drei Schlucke trinkt. Nach der Reinigung des Schalenrandes mit dem Tuch wird die Schale weitergereicht, bis alle Gäste getrunken haben.

Danach reinigt der Teemeister alle Utensilien und es werden Süßigkeiten gereicht. Daran schließt sich als Abschluss eine weitere Tee-Zeremonie mit leichtem Tee („Usu-cha“) an. Die nur spärlich erlaubte, von Höflichkeit und Rücksichtnahme geprägte Konversation darf ausschließlich den Tee zum Gegenstand haben.

England: „Mif oder Tif“

Nachdem sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Kaffeetrinker-Nation England endgültig und schichtenübergreifend zum Tee-Trinker-Volk gewandelt hatte, entwickelte sich auf der britischen Insel eine Teekultur, deren einzelne Versatzstücke seit Generationen als tradierte Volkskultur liebevoll gepflegt werden. „Morning Tea“, „Elevenses“, „High Tea“ und vor allem der „Five O´Clock Tea“ haben feste Trink-Rituale hervorgebracht.

In England werden vor allem schwarze Tees, z. B. die Sorten Ceylon und Assam, bevorzugt. Die Tee-Zubereitung folgt klaren Regeln. Die Teekanne wird warm ausgespült und so leicht vorgewärmt. Dadurch entfaltet sich das Aroma der eingefüllten Teeblätter (ein Teelöffel voll pro Tasse) besser. Die Kanne wird mit Wasser, das nach dem sprudelnden Aufkochen einige Sekunden geruht hat, aufgefüllt. Je nach gewünschter Stärke zieht der Tee drei bis sechs Minuten lang, wird dann abgesiebt und eingeschenkt. Die Teeblätter bleiben bei Traditionalisten für den nächsten Aufguss in der Kanne. Es werden aber je Aufguss auch neue Teeblätter eingefüllt. So wird der Tee zunehmend bitterer und stärker, was wiederum durch mehrfache Zugabe von heißem Wasser ausgeglichen werden kann.

Die meisten englischen Teetrinker trinken ihren Tee mit Milch. Es gibt zwei Hauptfraktionen von „Tee mit Milch“-Trinkern: „Mif“ („Milk in first“) und „Tif“ („Tea in first“). Es gehört zu den britischen Sonderheiten, die Kontinentaleuropäer nicht immer ganz nachvollziehen können, dass Engländer die Frage, zu welcher Tee-Einschenk-Fraktion die Queen gehört, mit ausdauernder Leidenschaft debattieren.

Bei einer gepflegten englischen Teestunde sind bestimmte Rituale unbedingt einzuhalten:
Tassen und Untertassen sind aus Porzellan oder Keramik, Kanne, Zuckerdöschen und Milchkännchen dagegen aus Silber. Nur der Gastgeber schenkt den Tee ein. Die Tasse wird mit der Untertasse auf Höhe der Unterlippe gehoben und nur minimal beim Trinken gekippt. Dabei dürfen nur Daumen und Zeigefinger den Tassenhenkel berühren. Geräusche beim Löffelrühren werden als Verstoß gegen die guten Sitten gewertet.

Ostfriesland: „Dreimal ist Friesenrecht“

Ähnlich streng geht es auch in Ostfriesland zu, der deutschen Hochburg des Tee-Trinkens. In Ostfriesland werden bevorzugt Ostfrientees genossen, das sind spezielle Mischungen aus Assam und anderen Schwarztee-Sorten. Wie der kräftige Ostfriesentee korrekt zelebriert wird, können Nicht-Ostfriesen besonders gut bei einer Verkostung im „Ostfriesischen Teemuseum“ in der Kleinstadt Norden erfahren. Die zahlreichen Teepausen, die den Tagesablauf eines traditionsbewussten Ostfriesen gliedern, dienen weniger der Durstlöschung als dem, gerne geselligen, Innehalten vom Alltagsstress.

Zu den charakteristischen Sonderheiten der ostfriesischen Teekultur gehören „Kluntje“ und „Rohmlepel“. Ostfriesentee muss mindestens fünf Minuten lang gezogen haben, damit er die erwünschte bittere Stärke bekommt. Bevor er aus der bauchigen Kanne in die typischerweise mit weißblauem Dekor geschmückten Tassen gefüllt wird, wird auf dem Boden jeder Tasse ein Kandiszuckerstück, ein Kluntje, platziert. Dazu dient die oft reich verzierte, silberne Kluntje-Zange, traditionell das wichtigste Geschenk für ostfriesische Konfirmandinnen. Die Tasse wird vorsichtig mit soviel Tee aufgefüllt, dass der „Gipfel“ des Kluntje noch zu sehen ist. Das Zuckerstück muss knacken, sonst war das Wasser nicht heiß genug. In solchen – seltenen – Fällen wird die zubereitende Person mild getadelt.

Der Ostfriese trinkt seinen Tee mit Sahne, fast nie mit Milch. Mit einem speziellen Sahnelöffel („Rohmlepel“) wird dicke süße Sahne vorsichtig um den Kandis-Gipfel herum gehoben. Die Teetrinker nehmen sich Zeit und beobachten versonnen, wie die Sahne langsam absinkt und sich zur „Ostfriesischen Wolke“ ausbreitet. Tabu ist das Umrühren dieses Gebildes. Stattdessen wird das Tee-Sahne-Kandis-Gemisch ungerührt genossen. So kann der Genießer mit einer Tasse die drei Grundfacetten des ostfriesischen Lebensgefühls nachschmecken: Tein-Bitter, kandis-süß und sahne-sanft.

Der neben jeder Tasse liegende Teelöffel ist nicht zum Umrühren da, sondern dient als Signalgerät. Da die sprachökonomischen Ostfriesen ungern überflüssige Worte machen, wird dem Teetrinker ohne Nachfrage solange nachgeschenkt, bis er wortlos den Teelöffel in die Tasse legt. In der Regel gilt Friesenrecht, das heißt, es wird erwartet, dass jeder Gast mindestens drei Tassen trinkt.