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Tee in Ägypten – kein Plausch ohne Tee

Tee ist ein fester Bestandteil des ägyptischen Alltags. Er fungiert nicht nur als lebenswichtiger Durstlöscher, sondern auch als Hilfsmittel, um Kontakte zu knüpfen oder zu vertiefen. Ägypten verfügt über eine stark ausgeprägte Teekultur, die schon so manchen Urlauber positiv überrascht hat. Es gilt als normale Geste, Fremden beim ersten Treffen Tee anzubieten, um sich besser kennenlernen zu können. Selbst bei Preisverhandlungen zwischen einem Kunden und dem Verkäufer ist das gemeinsame Trinken alles andere als unüblich. Tee ist der Inbegriff der ägyptischen Gastfreundschaft und der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Einheimischen einigen können. Da sie schon in ihrer frühesten Kindheit an das Teetrinken herangeführt werden, dürfte es nur wenige Ägypter geben, die keinen trinken.

Tee gilt in Ägypten als Standardgetränk, das weder an bestimmte Tageszeiten, noch an besondere Anlässe gebunden ist. Er wird von den meisten Einwohnern täglich konsumiert, von morgens bis abends. Im Schnitt trinkt jeder Ägypter pro Tag zwölf Tassen Tee – einige Genießer kommen auf über 30. Insgesamt werden in Ägypten jedes Jahr 80.000 Tonnen Tee im Wert von über 300 Millionen Dollar getrunken. Das sind 1,1 kg Tee pro Kopf. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Deutsche kommt auf 0,7 kg Tee pro Jahr.

Tee im ägyptischen Alltag

In einem heißen und trockenem Land wie Ägypten dient Tee nicht nur der Flüssigkeitszufuhr, sondern auch der Abkühlung. Damit der Tee ordentlich kühlt, wird er möglichst warm getrunken – ganz im Gegensatz zu unseren Breitengraden, wo der Großteil der Menschen es im Sommer genau falsch macht. Kühle Getränke müssen auf Körpertemperatur gebracht werden, wodurch der Körper sich zusätzlich erwärmen muss, während warme Flüssigkeiten den gegenteiligen Effekt haben. Je wärmer der Tag in Ägypten ist, desto heißer wird getrunken.

Die Benutzung von Teebeuteln ist in den privaten Haushalten Ägyptens nicht weit verbreitet, auch wenn ausländische Sorten in Beuteln verkauft werden. Tee in Beuteln macht nicht einmal fünf Prozent des Teemarktes aus. Das meiste wird lose auf Marktplätzen verkauft, in Form von getrockneten Blättern oder dem pulverförmigen „Dust“ (englisch für „Staub“). Ägypten baut einige Sorten selbst an; den größten Handelspartner beim Teeimport stellt Kenia dar.

Die Ägypter schenken Tee grundsätzlich in kleinen, runden Gläsern aus, nicht in Tassen oder Bechern. Gefäße aus Porzellan werden zum Teetrinken nicht benutzt.
In der Regel wird das Getränk direkt im Glas zubereitet. Der dabei entstehende Bodensatz verbleibt beim Trinken im Glas und wird nicht als störend empfunden. Als übliche Dosis gilt ein gestrichener Teelöffel des pulverförmigen Tees für ein Glas. Heutzutage setzen sich in Restaurants und Hotels langsam Teebeutel durch, da dies die Reinigung der Gläser erleichtert.

Einige Teesorten haben eine kulturelle Bedeutung. Der Zimt-Tee wird traditionell Gästen gereicht, die nach der Geburt eines Kindes die Familie besuchen, um ihre Glückwünsche persönlich zu überbringen. Karkaděh hat sich als Getränk bei Hochzeiten und während der Zeit des Ramadans durchgesetzt.
Die wichtigste Bedeutung des Tees ist aber ohne Zweifel jene als Bindemittel zwischen zwei Menschen. Gute Gastgeber werden leere Gläser immer wieder nachfüllen. Es gilt als äußerst unhöflich und beleidigend, wenn ein Gast den ihm angebotenen Tee ablehnt.

Tee in Ägypten

Tee in Ägypten ©iStockphoto/Radist

Typisch ägyptische Teesorten und Rezepte

Der mit Abstand bekannteste ägyptische Tee ist der Karkaděh (manchmal auch „Karkadee“, „Karkadeh“ oder „Karkady“ geschrieben). Hierbei handelt es sich um einen Malven- beziehungsweise Hibiskustee. Im Gegensatz zum Rest der Welt, wo Malve für gewöhnlich Mischungen beigegeben wird, trinkt man ihn in Ägypten pur. Dies ist der Tee, der einem Reisenden in Ägypten am häufigsten angeboten wird und an beinahe jeder Ecke käuflich ist. Heiß erinnert sein Geschmack an Früchtetee. Mit seiner dunkelroten Farbe sieht er Rotwein erstaunlich ähnlich.

Karkaděh kann zubereitet werden, indem die getrockneten Blüten im Glas mit etwa 80 Grad heißem Wasser übergossen werden. Bei der Zubereitung einer ganzen Kanne sollte deren Öffnung abgedeckt werden, während der Tee zehn Minuten lang zieht. Es ist möglich, die Blüten mehrmals zu benutzen. Jedoch gibt es auch eine andere Methode.

Die Einheimischen bereiten gern ein Konzentrat des Karkaděhs vor, damit der Tee im Alltag schnell und ohne großen Aufwand hergestellt werden kann. Es wird zunächst eine größere Menge der Malvenblüten gewaschen, mit heißem Wasser und Zucker aufgebrüht und einige Stunden ziehen gelassen. Dabei sollten auf drei Liter Wasser mindestens ein Viertelkilo Blüten kommen. Anschließend wird die Flüssigkeit durch ein feines Sieb oder ein Leinentuch gefiltert, wobei zusätzlich die Blüten ausgedrückt werden können. Dadurch entsteht eine Art Sirup, die sich bei kühler und dunkler Lagerung in einem geschlossenen Behältnis ein paar Wochen halten kann.

Bei Durst wird einfach ein wenig davon in ein Glas gegeben und mit Wasser aufgegossen. Dies kann sowohl mit heißem, als auch mit kaltem Wasser erfolgen; im Gegensatz zur ersten Variante wird bei der Zubereitung aus Konzentrat in Ägypten normalerweise kaltes Wasser benutzt. Der Geschmack ist hierbei eher beerig als fruchtig. Neulinge auf dem Gebiet ägyptischer Tees könnten dieses Getränk sogar für eine Art Saft halten, da es nicht wie typischer Tee schmeckt.

Neben Karkaděh ist besonders der über England importierte schwarze Tee sehr beliebt. Er heißt hier „roter Tee“, wie in seiner asiatischen Heimat. Auf den Karten ägyptischer Restaurants wird er als „Schāi aḥmar“ oder „Shay Masri“ geführt. Da er sehr bitter ist, sollte der Geschmack mit Zucker abgemildert werden. Auch ein Schuss Milch ist hilfreich, die Einheimischen nutzen Milch jedoch nicht zur Verfeinerung. Dafür werden manchmal exotischere Flüssigkeiten wie Zuckerrohrsaft mit Tee vermischt. Gewürze wie Kümmel, Zimt und Ingwer kommen ebenfalls gern zum Einsatz – es gibt auch Kümmeltee und eine Mischung, der nur aus Zimt und Ingwer gebrüht wird.

In Ägypten wird Tee süßer getrunken, als die meisten deutschen Teetrinker es gewohnt sind. Drei Löffel Zucker pro Glas sind nichts Ungewöhnliches; oft nehmen die Einheimischen sogar noch mehr. Bei der Bewirtung neuer Bekanntschaften werden zwei Löffel Zucker standardmäßig in das Glas gegeben, alles andere gilt als unhöflich. Die Zuckerdose wird offen auf dem Tisch stehen gelassen, damit der Gast bei Bedarf zugreifen kann.

Ebenfalls sehr beliebte Verfeinerungen sind kleine Minzzweige, die zusammen mit Schwarztee aufgebrüht werden. Die ägyptische Minze ist milder als die europäische Pfefferminze und verleiht dem Getränk einen erfrischenden Beigeschmack. Minztee wird ebenso getrunken, wenn auch nicht so häufig wie Karkaděh. Er nennt sich Nea-Nea-Tee. Bei seiner Zubereitung wird zunächst eine in kleine Stücke zerschnittene Zitrone zusammen mit reichlich Zucker aufgekocht, bevor die getrockneten Minzblätter hinzugegeben werden.

Natürlich sind in Ägypten viele der in Deutschland üblichen Teesorten bekannt, die meisten davon sogar länger als bei uns. So gehören zum Beispiel auch Fenchel und Anis zu den häufiger getrunkenen Tees. Dank reger Handelskontakte zu anderen Völkern und den für damalige Zeit sehr umfangreichen medizinischen Kenntnissen hat Tee schon im Ägypten der Pharaonen eine große Rolle gespielt.

Die historische Bedeutung des Tees in Ägypten

Das alte Ägypten zählt nicht umsonst zu den fortschrittlichsten der frühen Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Hier befindet sich eine der Wiegen der modernen Medizin. Es wurde Wissen gesammelt und archiviert, besonders auf dem Gebiet der Kräuterkunde sowie bei der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen. Natürlich haben nicht alle der damaligen Erkenntnisse wissenschaftlichen Überprüfungen standgehalten, doch es ist ganz erstaunlich, wie viel die Menschen schon vor tausenden von Jahren wussten.

Dank zahlreicher Überlieferungen ist bekannt, dass Tee schon immer zu den Hauptgetränken der Ägypter gehörte. Das einzige andere Getränk, das eine ähnliche Beliebtheit genoss, war Bier. Neben ihrer Funktion als Flüssigkeitslieferant wurden unterschiedliche Kräuter in aufgegossener Form als Heilmittel für diverse körperliche und seelische Leiden benutzt.

Schon früh wurde die stärkende Wirkung des Aloe Veras entdeckt, genau wie der beruhigende Baldrian. Beides wurde als Allheilmittel bei allen möglichen Beschwerden eingesetzt, auch äußerlich. Ähnliches galt für Rosengewächse, besonders Hagebutten, die extra importiert wurden. Die Pharaonen benutzten Anis gegen ihre Zahnschmerzen; Anistee half den Menschen schon damals bei Verdauungsproblemen oder einem gereizten Hals. Manche Kräuter wie Wermut und Beifuß waren so wertvoll, dass sie als heilig galten und bei Festen den Göttern geopfert wurden. Mit Kamille wurden Mumien eingesalbt. Auch Lindenblüten, eines der ältesten Heilmittel der Menschheit, waren den Ägyptern wohlbekannt. Maulbeer-Feigen wurden nachweislich schon vor knapp 5000 Jahren angepflanzt, um ihre mit heißem Wasser aufgebrühten Früchte als Durchfallmittel zu verwenden.

Die vielen verschiedenen Kräuter wurden als Tee aufbereitet, aber nicht ausschließlich, um sie zu trinken. Äußerliche Anwendungen in Form von Einreibungen und Bädern waren sehr gebräuchlich, sofern man es sich leisten konnte. Schon der Duft vieler Kräuter, wenn sie aufgebrüht oder verbrannt wurden, galt es heilsam. Teilweise werden diese Düfte in Form von Aromakuren noch immer eingesetzt.

Der heute so beliebte Hibiskus gehört zu den Malvengewächsen und stammt eigentlich aus Südostasien. Es lässt sich schwer nachvollziehen, bis wann die Blüten importiert und ab wann die Pflanze in Ägypten angebaut wurde; es heißt jedoch, schon Kleopatra habe Karkaděh getrunken und für ihre Schönheitsbäder benutzt. Heute dominiert er den ägyptischen Teemarkt und wird auch zur Herstellung von raffinierten Eissorten und Gelees eingesetzt. Eine Mischung aus Karkaděh, Salz, Pfeffer, Zuckersirup und Asant wirkt bei Erkältungen wahre Wunder und soll bei Magenbeschwerden helfen – selbst dann, wenn diese psychisch bedingt sind.