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Tee aus dem Samowar

Entgegen der auf der ganzen Welt verbreiteten Annahme, Vodka stelle in Russland das bei weitem beliebteste Nationalgetränk dar, nimmt Schwarztee im ehemaligen Zarenreich diesen Platz ein, denn über achtzig Prozent der russischen Bevölkerung trinken täglich mindestens eine Tasse des wärmenden Aufgusses. Russland blickt auf eine ebenso lange Kultur des Teegenusses zurück wie Europa. Auch in den russischen Städten, allen voran Moskau und St. Petersburg erfreute sich Tee ab Beginn des 18. Jahrhunderts zunehmender Beliebtheit. Wie in Europa war das Getränk in Russland anfangs nur der herrschenden Klasse und den in den großen Städten lebenden Menschen der hohen Gesellschaftsschichten vorbehalten, die deshalb vom gemeinen russischen Volk auch als „Wassersäufer“ verspottet wurden. Durch die harten Winter entwickelte sich bald eine technisch ausgeklügelte und perfekt auf die russischen Bedürfnisse abgestimmte Art, Tee zuzubereiten, die sich bis heute erfolgreich durchgesetzt hat. Längst ist Tee in Russland zum Alltagsgetränk geworden, das wie in Europa von einem Großteil der Bevölkerung konsumiert wird. Der Samowar, das kunstvoll gefertigte Gefäß zur Teezubereitung, gilt in Russland seit Jahrhunderten nicht nur als das praktisch einzige Gerät zur Herstellung von Tee, sondern auch als ein geschichtsträchtiges Nationalsymbol. Diese oft aufwendig verzierte Teemaschine, die im Jahr 1730 erstmals schriftliche Erwähnung fand, ist zwar nicht nur in Russland, sondern auch in der Türkei und im Orient weit verbreitet, jedoch vorrangig mit der Identität der Russen eng verbunden.

Das russische Klima – Grund für die Erfindung des Samowars

Russland ist neben seiner einzigartigen Kultur vor allem für eines bekannt: lange, dunkle und extrem harte Winter, die von eisiger, klirrender Kälte und monatelangem Frost geprägt sind. So ist es nicht verwunderlich, dass die Russen in der Zeit, als Tee erstmals aus Asien nach Europa gelangte, ein Gerät erfinden wollten, das ihnen das wärmende Getränk jederzeit bei Bedarf zur Verfügung stellen konnte. Russland hatte bereits ab dem 17. Jahrhundert gegenüber den restlichen Ländern des europäischen Kontinents den Vorteil, dass der Tee über die Seidenstraße von den Karawanen direkt in die großen Städte transportiert werden konnte. Während sich die Konsumenten in Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden, dem Rest Europas und später auch den Vereinigten Staaten wegen der langen Transportwege des Tees in den Frachträumen der Schiffe mit minderer Qualität zufriedengeben mussten, erfreuten sich die Russen eines relativ frischen und hocharomatischen „Tschai“. Der Karawanentee war durch seinen einzigartig rauchigen Geschmack bekannt, den er durch die Lagerfeuer annahm, die die Karawanen auf der langen Reise entzündeten und galt schon im 17. Jahrhundert als der hochwertigste Tee, der auf dem europäischen Markt erworben werden konnte. Durch die hervorragende Qualität der Teeblätter entwickelten die Russen eine ausgeklügelte Technik, die kostbare Ware aufzubrühen und den Aufguss über einen längeren Zeitraum warm zu halten, ohne dass das Getränk etwas von seinem Geschmack einbüßte und durch eine überlange Ziehzeit bitter und ungenießbar wurde. Im Samowar konnten die Russen ein Schwarztee-Konzentrat zubereiten, dass über Kohle heiß gehalten und je nach Belieben mit kochendem Wasser verdünnt in ein Glas gegossen wurde. Diese ausgeklügelte Methode der Teezubereitung ist auch heute noch die einzige, die in Russland angewandt wird. Auch die jahrhundertealte Eigenart, Tee nicht in Tassen, sondern in Gläser zu gießen und daraus zu trinken, haben sich die Russen bis heute bewahrt.

Obwohl das Land zunehmend auch westliche Traditionen übernimmt, gehört ein Samowar immer noch zur Grundausstattung jedes russischen Haushalts und darf in keiner Familie fehlen. Da Samoware meist aus wertvollen Materialien gefertigt und in kunstvoller Handwerksarbeit bemalt oder verziert werden, sind sie nicht nur teuer, sondern werden von Generation zu Generation weitervererbt. Samoware aus der Zarenzeit gelten als wertvolle Antiquitäten und erzielen auf dem Kunstmarkt hohe Preise. Die überwiegende Zahl dieser Teemaschinen wird in der zentralrussischen Stadt Tula hergestellt, wo dem wichtigen Haushaltsgerät ein eigenes, im Jahr 1990 eröffnetes Museum gewidmet ist. Die beindruckende Sammlung des Samowar Museums in Tula beinhaltet einige frühe Exemplare aus den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts mit einzigartigen Dekorationselementen wie delphinförmigen Hähnen, schlangenartigen Griffen und Kessel in Form von großen Eiern oder prächtigen Blumenvasen.

Einzigartige Technik der Zubereitung – Der Aufbau eines Samowars

Aus dem Russischen übersetzt bedeutet Samowar wörtlich „Selbstkocher“, eine Bezeichnung, die der Technik des Gefäßes durchaus gerecht wird. Der Samowar besteht aus einem Kessel aus Silber, Kupfer oder Bronze, der traditionell über Kohle oder mit Petroleum ständig beheizt wird. Moderne Samoware sind überwiegend als elektrisch betriebene Modelle erhältlich, die in ihrer Technik heutigen Wasserkochern ähnlich sind. Obwohl die modernen Samoware nur mit Steckdosen funktionieren, hat sich am traditionellen und zeitlosen Aussehen, der Form der bauchigen und teilweise kunstvoll dekorierten Gefäße mit seinen Seitengriffen, in die das kochende Wasser gefüllt wird, sowie der Funktionsweise dieser Teezubereiter kaum etwas geändert.

Samowar

Samowar ©iStockphoto/Leonidovich

Oberhalb des beheizten Kessels befindet sich die Tscheinik, eine kleine Kanne, in der ein sehr starkes und in purer Form nicht servierfertiges, weil ungewöhnlich starkes Teekonzentrat gekocht wird, von dem zunächst eine kleine Menge in das Teeglas geleert wird. Im Kessel des Samowars wird heißes Wasser aufbewahrt, das je nach individuellem Geschmack in unterschiedlicher Menge, meist im Verhältnis von 3:1 mit dem Teekonzentrat im Glas vermischt wird und es zu einem trinkbaren Teeaufguss verdünnt. Das Besondere an einer Teezeremonie, deren Mittelpunkt der Samowar darstellt, ist die Möglichkeit, dass sich jeder nach Lust und Laune mit frisch aufgegossenem Tee bedienen kann. In einem Samowar kann der Tee den ganzen Tag über heiß gehalten und jederzeit in die Gläser gefüllt werden. Diese Möglichkeit des Teetrinkens kommt den Menschen in Russland, die viele Monate im Jahr sibirische Wintertemperaturen ertragen müssen, mehr als zugute.

Die russische Teezeremonie

Da der Samowar erlaubt, sich jederzeit eines frischen Glases individuell verdünnten Tees zu bedienen, hat sich seit dem frühen 18. Jahrhundert in Russland keine Teezeremonie mit geregeltem Ablauf oder gar von spiritueller Symbolkraft entwickelt, wie dies in China, Japan und anderen asiatischen Ländern der Fall ist. Tee wird in Russland zu jeder Tageszeit getrunken, um den Körper von innen zu wärmen und die vom harten Winterfrost steifen Glieder wieder beweglich zu machen. Das gemeinsame Teetrinken ist zwar durchaus ein geselliger Akt, im Zuge dessen sich Menschen gemeinsam aufwärmen und das hochwertige und sorgfältig zubereitete Getränk genießen, es gibt jedoch weder beim Servieren noch beim eigentlichen Genuss des Tees feste Regeln, die den Ablauf bestimmen. Abgesehen vom ausgeklügelten Gefäß, das die Russen zur Zubereitung verwenden, ist ihre Teekultur derjenigen der Europäer sehr ähnlich. Im Gegensatz zur westlichen Teekultur wird für die Zubereitung im Samowar jedoch immer noch ausschließlich Tee hochwertigster Qualität verwendet, wie dies schon im frühen 18. Jahrhundert in Russland der Fall war.

Teezubereitung im Samowar

Für die Zubereitung von russischem Schwarztee müssen die ganzen Blätter, bevor sie im Samowar aufgebrüht werden, in mehreren Arbeitsgängen sorgfältig gewaschen werden, um sie von Staub und anderen an der Oberfläche haftenden Schmutzpartikeln und Rückständen zu befreien. Da das anschließend hergestellte, im Russischen als „Sawarka“ bezeichnete Teekonzentrat lange Zeit über im Samowar aufbewahrt wird, kann nur reinste Qualität der Blätter garantieren, dass der Aufguss nicht trübe wird und an Geschmack einbüßt. In Russland ist es üblich, einem Liter Wasser etwa zwanzig Löffel Teeblätter, die etwa drei Minuten ziehen, beizufügen, was den Teeaufguss besonders stark macht. Statt aus Porzellantassen trinken die Russen ihren Tee überwiegend aus Gläsern, die mit einem aus Metall hergestellten Halter, dem „Podstakannik“ umgeben sind.

Nachdem das Teekonzentrat aus der Tscheinik in das Glas gefüllt und mit heißem Wasser des Kessels verdünnt wurde, wird der Aufguss nach russischer Art ohne Milch oder Sahne, jedoch stark gesüßt getrunken. Traditionellerweise aromatisieren die Russen ihren Schwarztee nicht mit Zucker, sondern mit einigen Löffeln Marmelade, der sogenannten „Warenije“. Viele leidenschaftliche Teegenießer nehmen erst einen kleinen Löffel Warenije in den Mund und lassen den Schwarztee anschließend schluckweise darüber in den Mund laufen. Heute wird russischer Tee auch gerne mit Zitrone, Honig und Zucker getrunken.

Obwohl der Teetransport durch die Karawanen bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich zurückging und durch die Transsibirische Eisenbahn und den Import von Ceylontee und indischen Sorten aus Großbritannien und den Niederlanden ersetzt wurde, hat sich der Begriff Karawanentee bis in die heutige Zeit in Russland erhalten. Noch heute bevorzugen die Russen ihren Schwarztee mit einer leicht rauchigen Note, wie er schon vor Jahrhunderten getrunken wurde. Der beliebte Geschmack wird dem Tee nach der Fermentierung beigefügt. Alternativ wird der russische Schwarztee heute mit den leicht rauchigen Sorten Tarry Souchong oder Lapsang Souchong vermischt. In vielen Ländern weltweit ist die „Russische Mischung“ auf Basis von kräftigen Ceylonsorten sehr geschätzt. In den letzten Jahrzehnten erfreut sich in Russland wie auch in Europa und den USA grüner Tee aus China und Japan wachsender Beliebtheit und wird ebenfalls gerne im Samowar zubereitet. Egal ob schwarzer oder grüner Tee getrunken wird, der traditionelle Teekocher gilt in Russland als das wichtigste Symbol für Geselligkeit, Gemütlichkeit und behagliche Wärme.